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Hauptsache gesund (Nervensägen II)



Dreck ist eine seltsame Sache. Ich schätze, dass eine weltweite Verschwörung der Putzmittel-Industrie und der Raumkosmetikgewerkschaft dahinter steckt, wahrscheinlich mit einer deutlichen Beteiligung einiger Staubsauger-Firmen. Kaum beseitigt, taucht er wie von Geisterhand immer wieder auf, gerne auch an der gleichen Stelle wie zuvor.

Seit ich denken kann, verursache ich Dreck. Am Anfang meines Lebens war dieser eher organisch und lag in Mullwindeln, statt in Müllsäcken vor. In den ersten Jahren meines Lebens verursachte ich dann zu eben Erwähntem noch bergeweise Krümel unterschiedlichsten Ursprungs und stark erd-haltige Matschflecken, gepaart mit Wasch-maschinenladungen voller Wäsche. In der Pubertät erzeugte ich Wagenladungen von Müll und Alt-kleidersäcken und bei meinem Auszug aus dem elterlichen Nest unfassbare Mengen Verpackungsmüll eines schwedischen Möbelhauses. Dann kam eine Zeit, in der ich keine Zeit hatte, mich um den erzeugten Dreck zu kümmern und er mich gänzlich kalt ließ. Kurz darauf meine Hochzeit mit meinem Mann und damit die Produktion erneuter Dreck-verursacher direkt im Schlepptau. Irgendwann auf dem Weg zu einer mittelalten Frau entdeckte ich die Liebe zur Sauberkeit. Die Kinder waren in einem besen- und staubsaugerfähigem Alter angekommen, und ich wies sie umgehend in die technischen Finessen dieser Geräte ein.
Dies tu ich übrigens relativ erfolglos seit mehreren Jahren.

Als mir die Fähigkeit abhanden kam, den eigenen produzierten Dreck effektiv und relativ zeitnah zu beseitigen, wuchs in mir das Verlangen nach einer Putzfrau im Hause Schäfer. Nach mehr oder weniger erfolglosen Versuchen und vorübergehenden Reinigungsfrauen, die sich an mir und meinem Familiendreck zu schaffen machten, einigten wir uns auf eine interfamiliäre Putzplanung, die bereits im Keim zum Scheitern verurteilt war. Kopfschüttelnd war mir immer wieder deutlich klar, dass ein Haus mit 2 Etagen, 2 Kindern und 2 mittelgroßen Schweinehund-Mischlingen nicht durch diese Maß-nahmen zu reinigen war.
Eines Tages aber begab sich ein Wunder. Es klingelte an der Haustüre, und eine kleine Frau stand vor mir:„Ich gehört, sie suchen Putzfrau?“ Normalerweise lasse ich keine Wunder so einfach in mein Haus, aber jenes kam mir sehr gelegen.
Ich zeigte ihr kurz unser Domizil, drückte ihr Eimer, Staubsauger, Lappen und Co. in die Hand und ließ sie wirken und walten. Nach drei Stunden rief sie: „ Habe fertig, Frau Schäfer!“. Nach ihrer Entlohnung säuselte sie fröhlich: „ Nächste Woche, selbe Zeit, okay?“ und verschwand. In der kommenden Woche tauchte sie, wie geplant, wieder auf und putzte unser Haus. Diesmal jedoch nicht so elfenhaft und leise, wie beim ersten Mal, sondern gepaart mit einigen Klirrgeräuschen und einem gepflegten Schwall türkischer Schimpfworte. Beim Abschied drückte sie mir ihre Telefonnummer in die Hand und verschwand mit den Worten: „Bis nächste Woche, Frau Schäfer!“ und ihrem gewohnt fröhlichen Lächeln im Gesicht. So verging Woche für Woche. In dieser Zeit stellte sich heraus, dass sie eine gewisse Problematik mit verspiegelten Flächen hatte. Nach ihren Besuchen machte sich eine Art nebulöse Verwischung auf unseren Spiegeln breit, und man konnte nur mit zugekniffenen Augen sein Ebenbild in ihnen erraten. Wir machten keine große Sache daraus, denn der Rest war soweit völlig in Ordnung, und sie hatte immer ein fröhlich gestammeltes Wort für unsere Kinder übrig. Leider wurde mit der Zeit der Vorrat an Dekorationsgegenständen etwas dezimiert, ihre Schimpftiraden uns jedoch bekannter. Noch etwas änderte sich, wenn sie kam. Sie begrüßte mich mit: „ Hallo, Frau Schäfer, alles gut?“ und ganz gleich, was ich ihr antwortete, folgte darauf ein fröh-liches: „In Hauptsache gesund!“. Am Anfang dachte ich leicht erbost:
Na, die hat gut reden! Ich sitze hier im Rollstuhl, habe diese verdammte Erkrankung, und sie flötet etwas von „Hauptsache gesund“. Aber mit der Zeit lernte ich diesen Spruch zu schätzen. Etwas Netteres hätte sie mir nicht sagen können. Dessen bin ich mir sehr bewusst. Und wenn sie merkt, dass es mir nicht gut geht oder irgendetwas nicht so ist, wie es sein sollte, dann topp sie diesen Spruch noch und sagt:
„In Hauptsache gesund, Frau Schäfer. Gott helfe!“.


Man wird es mir jetzt glauben oder nicht, aber ich habe immer noch keine Ahnung, wie sie zu uns gekommen ist, woher sie kommt oder wie ihr Name ist. Und wenn ich ihr eine Nachricht per SMS schreibe, dann schreibe ich „Liebe Putzfee“ als Anrede und teile ihr meine Wünsche mit, und wenn die Mailbox von ihrem Handy angeht, dann sage ich dem voll krass konkreten Dreier-BMW-Fahrer am anderen Ende, dass sie diese Woche nicht zu kommen braucht, und sie hat die Nachricht immer bekommen und kam nie vergebens. Und wenn es kracht und klirrt, wenn sie in den oberen Etagen werkelt, dann denke ich nur still und heimlich und mit einem Lächeln im Gesicht:
„Hauptsache gesund!“

 

Nervensägen I

Ein Vorwort sagt mehr als tausend Worte:

(oder "Wie mein Buch beginnt......")

Ich habe mich entschlossen. Gerade eben und beim Einkaufszettelschreiben. Keine Ahnung, ob es wirklich dieser Einkaufszettel war, der mich daran erinnerte, dass Schreiben meine Passion ist und dass das Schreiben den Anfang meiner Odyssee setzte. Schuldlos sicher, aber dennoch zeitlich enger aneinander, als zwei Dinge, die man als einschneidend bezeichnen kann, jemals sein können.
Vielleicht war es auch mein Bruder, der mir gestern mitteilte, ich solle wieder ein Buch schreiben, aber diesmal bitte etwas anspruchsvoller, als das Letzte.
Tja, der Satz saß mal wieder. Aber wenn nun gerade dieser Satz der Anfangspunkt eines neuen Buches sein sollte, nun gut.
Sicher mache ich mir schon seit vielen Monaten Gedanken darüber, ob ich nicht all das Erlebte in Worte fassen soll. Nur bis dato habe ich immer auf mein Happy End gewartet, auf einen Buchstoff, der beispielhaft Mut und Zuversicht geben kann, - eben genau so, wie es bei den meisten Exemplaren meiner bisher angesammelten Büchersammlung zu diesem Thema ist.
Unglaublich starke Menschen überwinden ihre Lebenskrise, akzeptieren ihre Erkrankung und kommen gestärkt aus derselben wieder heraus, sie zeigen diesen zwei Buchstaben MS die Stirn und kämpfen mit Erfolg.
Bei mir ist es anders, ich kämpfe auch, stecke in einer wirklich saftigen Lebenskrise, ich fange an zu akzeptieren, mich zu arrangieren, - dennoch, für mich ganz persönlich ist noch kein Happy End in Sicht, ich stecke knietief drin.
Wer also eines jener Bücher sucht, die oben genannte Kriterien erfüllen, sollte hier vielleicht Stop machen und dieses Exemplar schnell wieder los werden. Als Geschenk eignet es sich wahrscheinlich auch nicht.
Wer aber wissen will, wie man sich fühlen kann, was man mit diesem irrsinnigen Körper alles so zu erleben vermag, welch positive Dinge einen bei all dem Mist erwischen können, und wie man einfach weitermachen muss, ganz egal ,wie man sich fühlt, - wer meine Trauer, meine Wut und meine Zuversicht geballt vertragen kann, der sollte weiter lesen und sich genau wie ich durchkämpfen.
Zum Trost gesagt ,- für den Leser ist der Kampf nach einigen gelesenen Seiten vorbei, bei mir wird er noch anhalten. Wenn aber das lang ersehnte Happy End kommt, dann sag ich jedem Einzelnen Bescheid, -versprochen!


Der Anfang


Wenn ich mir überlegen soll, wann alles begann, dann komme ich ins Stocken. Das ist zwar nicht gerade ein professioneller Anfang meiner Geschichte, aber ebenso wenig, wie ich das Ende kenne, bin ich mir über den Anfang nicht wirklich im Klaren.
Man kann spekulieren und nachforschen, eine Jahreszahl kreieren, ein Ereignis aus dem Gedächtnis hervorwühlen, man kann einen Anfangspunkt setzen für sich selbst und all die Nachfragenden. Nicht, dass man davon irgendwelche Vorteile hätte oder sich selbst beruhigen würde, man schafft eine Geburtsstunde für etwas, dass man oft jahrelang unbewusst und vor allen Dingen ungewollt bei sich getragen hat.
Und wenn jemand fragt, dann kann man kurz und knackig eine Zahl aus dem Ärmel schütteln. Mit dem Satz “Wahrscheinlich schon fast 10 Jahre” kommen viele besser klar, als mit “Keine Ahnung, es hat mich einfach so vom Hocker gehauen”.
Wenn etwas also einen Anfang hat, dann hat es gewöhnlich auch ein Ende. Das allein ist es also wert, einen Beginn zu datieren, - sagen wir also mal November 2005.
November ist nicht gerade mein Lieblingsmonat und daher passt es ganz gut.
Irgendwann im November also durchfuhr mich der erste Stich, irgendwo im Kopf hinter meinem rechten Ohr. Er war stark und schmerzhaft und ließ mich sekundenlang zusammenschrecken. Er kam unangemeldet und traf mich bis ins Mark, er pflanzte sich unverhohlen in Richtung Hals und Schulter weiter, um sich dann in einem erholsamen Nichts aufzulösen.
Ich schenkte ihm zwangsweise Beachtung, aber genauso sekundenschnell, wie er gekommen war, vergaß ich ihn wieder. Ich war unter Anspannung, denn ich hatte mit einer anspruchsvollen Studie für meinen Chef begonnen und da ich diese Versuche nur sehr selten in meinem 20 jährigen Berufsleben gefahren habe, gehörte gerade diesem meine ganze Aufmerksamkeit. Keine Routinearbeit also und so war mein Hirn gefragt. Ich liebte diese Herausforderungen und besonderen Aufgaben und so war ich ganz in meinem Element.
Den privaten Ausgleich fand ich im Erscheinen meines ersten Buchs, ich war auf Lesungen und Märkten unterwegs und freute mich über die Erfüllung meines Traums, endlich ein Buch geschrieben zu haben. Das Buch empfing Anerkennung und damit ich auch, es war eine wirklich gute Zeit.
Inmitten dieser guten Zeit, erwischten mich immer häufiger diese Stiche und bald gelang es mir nicht mehr, sie nach ihrem blitzartigen Erscheinen einfach zu vergessen, immer häufiger blieb der Schmerz und erinnerte mich daran, dass da wohl etwas nicht stimmte in meinem stimmigen Leben.
Irgendwann dann wurde es wirklich unerträglich und ich begab mich zu einem HNO, um meinen verdacht auf Mittelohrentzündung oder Ähnlichem bestätigen zu lassen.
Dieser entzückende HNO schaute mir ins Ohr und in den Hals, um mir dann mitzuteilen, dass ich rein gar nichts hätte und mich - zusammen mit einem mittelmäßig bestandenen Hörtest- nach Hause zu schicken.
Die Schmerzen wurden mit den Tagen unerträglicher und ich war ohne jede Chance, etwas dagegen zu tun. Schmerztabletten aus dem heimischen Schrank halfen einfach nicht und so begab ich mich gequält zu meinem Hausarzt und erzählte ihm die Geschichte.
Mein Hausarzt sprach von Trigeminus-Neuralgie oder einer eventuellen Gürtelrose und gab mir Schmerzmittel in Elefantendosis mit. Beim nächsten Termin und vielen wirkungslosen Tabletten und Tropfen, schien er hilflos und bat mich, ich solle mal zum Neurologen gehen.
Aha. Ich hielt also eine Überweisung zum Neurologen in den Händen.
In meinem bisherigen 40jährigem Leben war ich noch nie bei einem dieser Nervenärzte. Glaubte mein geschätzter Hausarzt etwa, ich bilde mir diese Stiche nur ein? Ich brauchte keinen Neurologen, ich brauchte etwas gegen diese Schmerzen.
Und eben diese erinnerten mich nach meinem ersten Überweisungsschock vehement daran, dass ich mir dringend Hilfe suchen müsse, ganz gleichgültig, wie der Arzt wohl heißen mag, der mir eventuell Erleichterung verschaffen könnte.
Also nahm ich mir mutig die Gelben Seiten hervor, um die Neurologen der Umgebung nach einem dringenden Termin zu fragen. Ganz gleich, wen ich auch anrief, dieses Quartal hatte ich einfach keine Chance. Entweder die Neurologentermine waren für dieses Jahr schon voll und man könne mir einen im Januar oder Februar anbieten, oder mir wurde, nachdem man die Frage nach der Krankenkasse gestellt hatte, gesagt, man würde keine neuen Patienten mehr annehmen.
Eine Adresse hatte ich noch und so begab ich mich an einem verzweifelten Morgen in die Praxis dieses Neurologen. Das Haus lag  mitten in der Fußgängerzone und das Treppenhaus war dunkel und muffig. Mir war das nicht wichtig und so stellte ich mich mit einer älteren Türkin einfach vor die geschlossene Praxistüre und wartete. 
Nach einer Weile kam die Arzthelferin und schloss die Praxis auf.
Die Türkin konnte sich ins Wartezimmer setzen und ich war an der Reihe.
Ich bat um einen Termin beim Doktor und schilderte ihr kurz meine Probleme, dann kam der gewohnte Satz : “ Es tut mir leid, wir können keine Patienten mehr annehmen!”. Zeitgleich mit diesem Satz öffneten sich bei mir alle Pforten und ich stand dort als erwachsene Frau heulend vor der Rezeption und stammelte “Bitte, bitte, ich halte es nicht mehr aus!!”.
Die Arzthelferin packte wohl das geballte Mitleid, denn sofort sagte sie “Nun gut, beruhigen Sie sich doch, die Ärztin ist gleich da, setzen Sie sich mal ins Wartezimmer” und reichte mir einige Taschentücher über den Tresen .
Reichlich schniefend und mit geröteten Augen beruhigte ich mich langsam und setzte mich auf einen der alten Holzstühle. Das Wartezimmer war genauso muffig und alt, wie der Rest des Hauses und die Wände zierten eine völlig verfärbte und verstaubte alteTextiltapete, eine von der Sorte, die Anfang der 80er der letzte Schrei waren und nun anderwärtig stille Schreie des Entsetzen auslösen konnten. Alles war dunkel und muffig und passte hervorragend zu meiner innerlichen und äußerlichen Verfassung. Wie im Nebel wartete ich auf die Dinge, die nun kommen würden und horchte auf die Gespräche an Rezeption und Wartezimmer.
Nebenbei erfuhr ich so, dass der Doktor selbst nicht da wäre und die Vertretungsärztin gleich käme. Mir war alles egal und so wartete ich sehnsüchtig auf Einlass.
Irgendwann wurde ich aufgerufen und ins Behandlungszimmer 2 geschickt.
Einen Moment solle ich warten, die Ärztin käme dann.
Vor mir tat sich ein weiterer dunkler Raum mit einem riesigen dunklen Holzschreibtisch auf. Ich setzte mich auf den dafür vorgesehenen Stuhl und schaute mich ängstlich nach eventuellen Untersuchungsgeräten um. Ich konnte jedoch nichts dergleichen entdecken und so beruhigte sich mein Puls langsam, aber deutlich.
Irgendwann öffnete sich die Tür und eine leicht gehetzt wirkende Frau in Daumenjacke wickelte sich langsam aus meterlangen Schals, um anschließend das gesamte Equipment in einem ebenfalls dunkelbraunen Holzschrank verschwinden zu lassen.
Sie kam auf mich zu und gab mir die Hand mit der ärztlichen Standardfrage: “Was treibt sie denn zu mir?”. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir beide noch nicht, dass uns alles Weitere über eine längere Zeit verbinden würde.
Ich erzählte unter weiteren Schmerzen kurz meine Beschwerden. Die von meinem Hausarzt angepeilte Trigeminus-Neuralgie kam für sie durchaus in Frage und so schrieb sie mich nicht nur krank, sondern gab mir einige Tabletten mit, die ich ausnahmsweise noch nicht kannte. In drei Tagen sollte ich nochmals kommen und dann würden wir weiter sehen.
Irgendwie grundlos aber eindeutig erleichtert fuhr ich nach Hause und ergab mich den neuen Tabletten und meinem Schicksal.
Beim zweiten Termin wurden ihre Blicke schon etwas besorgter und ihre vorherige Vermutung wurde über den Haufen geworfen. Zu meinen Schmerzen hatte sich ein brennender, juckender und kribbelnder unsichtbarer Ausschlag gesellt, der mich bald wahnsinnig machte und das Ganze zog vermehrt in Richtung Hals und Schulter.
Ich erzählte ihr von den nicht existierenden Viechern, die ständig über diese Bereiche krabbelten und dieses Gefühl, dieses unbeschreibbar fiese Gefühl.
Meine Ärztin machte sich sichtbar Sorgen und vermutete eventuell eine Gürtelrose am Kopf. Schnell sollte ich mein Blut auf Herpes zoster untersuchen lassen, riet sie mir und gab mir etwas gegen neuralgische Schmerzen mit. Diese sollte ich vorsichtig höher dosieren, Schritt für Schritt und Tag für Tag bis zu der genannten Tageshöchstdosis.
Eigentlich handelte es sich bei diesem Mittel um ein Anti- Epileptika aber selbst dies konnte mich nicht mehr schocken, - wenn es helfen sollte, waren mir alle Namen und Bezeichnungen recht. Mit den Blutwerten solle ich dann schnellstmöglich wieder bei ihr vorsprechen.
Nach drei Tagen warten und ohne wesentliche Besserung saß ich wieder bei ihr an diesem dunklen Holzschreibtisch, diesmal wesentlich verzweifelter und sichtbar mutlos. Gürtelrose war ausgeschlossen worden, mein Blut zeigte keinerlei Hinweise und auch die restlichen Werte waren okay. Was um Himmels Willen quälte mich seit Wochen bloß so sehr, dass ich kaum einen klaren Gedanken fassen konnte. “ Ich mache mir Sorgen um Sie. Ich möchte, dass Sie zum MRT gehen, danach sehen wir weiter.”
Mittlerweile hatten sich die Schmerzen bis in den rechten Oberarm gezogen und der Arm war wie mit Hemdsärmeln abgeschnürt und wurde langsam taubkribbelig.
Die Medikamente waren nun hoch dosiert und halfen  mir etwas über den Tag.
Zum MRT also, sie hätte eventuell Verdacht auf einen Bandscheibenvorfall und daher sollte sich die Halswirbelsäule mal angesehen werden.


                           Tunnelblick

Die vehemente Art meiner Neurologin bescherte mir einen unglaublich zeitnahen MRT-Termin in einer radiologischen Gemeinschaftspraxis.
Ich sollte gleich am übernächsten Tag mit den Befunden zu ihr kommen.
Erst einmal erkundigte ich mich bis zum gesagten Termin über die Untersuchung im Internet. Ich fühlte mich dadurch einfach etwas sicherer, - dachte ich zumindest. In Wirklichkeit wurde ich noch aufgeregter und so T- Untersuchungen.
Neben mir saß ein älterer Herr, der eine 2 l Mensur voller gelblicher Flüssigkeit in sich hineinfüllen sollte, diese Trinkmenge aber einfach nicht zu schaffen schien. Erlöst hörte ich, dass es sich hierbei um eine Blasenuntersuchung handelte, - also nicht meine nächste Aufgabe sein würde.
Irgendwann wurde mein Name aufgerufen und ich trabte hinter einer Sprechstundenhilfe her, um dann in einen Raum zu gelangen, der in meinen Vorstellungen das Equipment der NASA beinhaltete.
Unzählige Computer und Laufwerke, eine Art Raketenröhre, in die ich mich gleich begeben sollte. Zunächst einmal musste ich jedoch meinen Schmuck und meinen BH ablegen, dann wurde ich in den Röhrenraum gebeten und auf eine Art fahrbare Liege bugsiert. Irgendwann dann lag ich passend in einer Vorrichtung für den Kopf und mir wurde eine Art Gitterbügel vor das Gesicht montiert. Die Sprechstundenhilfe erklärte mir, dass die Untersuchung jetzt ungefähr 20 Minuten dauere und ich mich möglichst nicht bewegen dürfe. Sie drückte mir einen Alarmknopf in die Hand, falls ich Panik bekäme.
Ungeheuer beruhigend!
Ich wurde in die Raketenröhre gefahren. Unmittelbar über diesem Bügel war die Röhrenwand. Es war eng, aber nicht beunruhigend. Irgendwann ging es los. Nicht, dass man etwas spüren würde dabei, man hört nur, dass etwas geschieht. Diese Geräusche passten durchaus zu meiner NASA -Theorie und ließen mich an STAR WARS denken. Man hat keinerlei Zeitgefühl in dieser Röhre und so dachte ich “geschafft!”, als es deutlich leiser um mich wurde und die Liege mit mir langsam wieder aus ihrer Versenkung fuhr. Falsch gedacht, und so folgte der erste Versuch, mir das Kontrastmittel zu verabreichen. Meine Venen wollten nicht so, wie die Helferin wollte. Es lief etwas von dem Leuchtmittel daneben und man schaffte so eine bleibende Erinnerung in Form einer dunkelblauen Färbung meiner rechten Armbeuge.
Der zweite Versuch landete schmerzhaft, aber erfolgreich in der Hand, und so fuhr ich wieder ein in die laute Raketenröhre, um die zweite Hälfte meines Aufenthalts zu genießen.
Die Untersuchung wurde abgeschlossen, ich aus der Röhre und von der Verkabelung befreit.
Ich durfte mich wieder anziehen und sollte wieder im Wartebereich Platz nehmen, ein Arzt würde mich gleich zu sich rufen.
Das hatte ich also geschafft, mal sehen, was der Arzt nun sagt, dachte ich unbedarft.


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